Persönliche Erinnerungen von Heinrich Schütte

Der folgende, von Heinrich Schütte selbst verfasste Text ist im Juni 1973 im „Gemeindespiegel“ erschienen, dem vierteljährlichen Mitteilungsblatt der Orts- und Bürgervereine der Gemeinde Wardenburg

7247 Gemeindespiegel von 1973

„Der Gemeindespiegel“ Nummer 7 (Juni 1973)

Aller Anfang ist schwer!

Das weite Moor zwischen Benthullen und Bösel, jene fast unübersehbare, braune Heidefläche, die nur auf ihrem ersten Kilometer von einigen bizarren Torfhaufen unterbrochen war, bot ein trauriges Bild. Da standen wir nun im Herbst 1934, meine Frau und ich. Das sollte unsere Heimat, unsere Zukunft werden. Wenn wir auch jung waren und an uns und unsere Zukunft glaubten, vor dieser endlosen Öde wurden wir ganz beklommen.

Doch dann fuhren wir der neuen Straße nach, die endlos lang hineinführte, bis zur Wardenburger Gemeindegrenze. Dann trafen wir auch schon einige, die gleich uns den Mut hatten, hier eine Siedlung anzupacken. An beiden Seiten dieser Straße war schon oder wurde gebaut. Einige Siedler saßen aber auch noch in ihren kleinen primitiven Hütten, die später einmal Hühnerställe werden sollten. An dieser Straße war nichts mehr zu haben. Wenn wir also wollten, dann mussten wir dort, wo der Reichsarbeitsdienst einen Weg in das Moor hinein baute, schnell zulangen, denn jeder nachfolgende Siedlungsbewerber musste 150 Meter weiter ins Moor hinein.

50 Siedlungen waren ausgewiesen. Das machte sich auf dem Plan des Siedlungsamtes in Oldenburg wunderschön. 50 beinahe gleich große Rechtecke, säuberlich nebeneinander. Doch hier in der Wildnis verlor sich alles; meterlange Heide und Moortümpel. Doch half das? Es waren so viele Bewerber da, die alle zu einem eigenen Bauernhof kommen wollten, so dass die Annahme der Bewerbung als Treffer in der Lotterie bezeichnet werden konnte. Da hier in Benthullen die Siedler zu gleichen Teilen aus den Kreisen Ammerland, Oldenburg und Wesermarsch kommen sollten, wurde die Auswahl von den jeweiligen Kreisbauernschaften vorgenommen. Nicht siedeln konnte, wer kein positives Verhältnis zum nationalsozialistischen Staat hatte, wer nach rassischen Merkmalen nicht nordisch oder fälisch war, wer nicht erbgesund war, wer nicht Moor-Erfahrung hatte und wer nicht einiges Vermögen als Anfangskapital beisteuern konnte. Eine Auswahl also wie auf einer Tierschau, mit Stammbaum und Leistungsnachweis.

Unsere Beurteilung vom Ortsbauernführer, vom Ortsgruppenleiter, vom Amtsarzt und vom Sachbearbeiter bei der Landesbauernschaft, der anhand unserer Fotografien unsere rassische Qualifikation beurteilte, muss wohl zu dem Schluss geführt haben, dass wir zur Erhaltung der nordischen Rasse geeignet waren. Jedenfalls habe ich die Siedlung Nummer 38 am jetzigen Saarländer Weg erhalten.

Mein Heimatort ist Hurrel in der Gemeinde Hude. Dort hatte ich eine kleine Heuerstelle von dreieinhalb Hektar gepachtet. Diese kleine Nebenerwerbsstelle bearbeiteten meine Frau und ich an den Feierabenden. Drei Kühe, einiges Jungvieh und einige Schweine waren unser Vermögen. Es war für den Beginn als Siedler für ausreichend befunden worden.

Unser großes Plus war unsere Arbeitskraft und unser Wille, ein Eigentum zu schaffen. Die Siedlung erhielten wir ohne bares Kaufgeld, 13 Hektar für 4.100 Reichsmark. Dazu erhielten wir ein Baudarlehen von 6.000 Reichsmark. Der Bau unseres Hauses kostete mit der daran gewendeten Eigenleistung runde 9.000 Reichsmark. Wie alles damals reglementiert war, so wurde auch uns ein Gebäude aufgezwungen, das der Schublade des Siedlungsamtes entstammte. Es gab böse Auseinandersetzungen mit dem dort zuständigen Bauamt. Dessen Vorstellungen über das Mindestmaß von Familienwohnraum entsprangen noch der Zeit, als die ganze Familie in zwei Räumen lebte.

Der Bau der Häuser zeigte die ganze Schwierigkeit auf, die Bauen im Hochmoor mit sich bringt. Zunächst musste bedacht werden, dass das Moor nach seiner Entwässerung mindestens einen Meter sackt. So wurde das Haus auf einen Meter unter Flur geplant, das heißt, dass die Fensterbänke gerade Bodenhöhe hatten. Wir hätten also ganz bequem mit der Schubkarre durch das Fenster in die Wohnung schieben können.

Der Bauplatz war in seiner ganzen Größe ein Meter tief vom Reichsarbeitsdienst ausgegraben worden. Jeder Bauplatz wurde vom Siedlungsamt mit 100 Kubikmeter Sand aufgefahren. Dann wurden in dem 4 bis 5 Meter tiefen Moor die Pfähle für die Fundamente gerammt. So stehen unsere Häuser in Benthullen alle auf Stützen. Ende 1935 aber konnten wir einziehen und wir hatten ein eigenes Dach über dem Kopf.

Ein besonderes Problem war der Antransport des Baumaterials. Die auf Moor liegende neue Klinkerstraße von Achternholt bis nach Petersdorf vertrug noch keine übermäßigen Belastungen. Der Straßenwärter Hinnerk Auen war darum stets bemüht, keine Fahrspuren auf dieser Straße aufkommen zu lassen. Aus diesem Grunde sperrte er immer eine Seite der Straße mit Pflöcken ab. Dadurch zwang er die Straßenbenutzer, Slalomfahrten zu veranstalten. In den Saarländer Weg konnte ohnehin keine Fracht hineingefahren werden. Dort musste alles in kleinen Portionen umgeladen und transportiert werden. So war dort, wo heute die Benthullener Kirche steht, ein Lager für Baumaterial und Kunstdünger im Freien für all die Siedlungen am Saarländer Weg. Das war begreiflicherweise oft ein heilloses Durcheinander.

Der heutige Saarländer Weg (1973) ist eine Straße mit Teerdecke. Ihm sieht man nicht den Zustand an, den er zu jener Zeit hatte. Der Freiwillige Arbeitsdienst, jene Saarländer Jungens, nach denen dieser Weg seinen Namen erhalten hat, war ein in das Moor gegrabener, Zentimeter tiefer Kanal, in den dann in gleicher Höhe wieder Sand eingefahren wurde. Man kann sich vorstellen, wie schwer auf einem solchen losen Sandweg Lasten transportiert werden mussten. Ungeheure Mengen Sand waren aus der Sandkuhle bei Schierhold, in der heute die Müllgrube der Gemeinde angelegt ist, herausgefahren. Dieser Weg war die ursprüngliche westliche Begrenzung des Moorgutes der Stadt Dortmund, aus dem unser Land wieder an das Oldenburger Siedlungsamt zurückgegeben war. Hier hatten einmal 1919, als der Hunger in den Großstädten umging, wirklichkeitsfremde Stadtväter eine Nahrungsquelle erschließen wollen, damit aber bösen Schiffbruch erlitten. Es waren von diesem Betrieb her schon einige Gräben gezogen worden, die jetzt die Grundlage für die notwendige Entwässerung Benthullens waren.

Hier lagen nun die Aufgaben des zunächst Freiwilligen- und dann des Reichsarbeitsdienstes. Der Wegebau, die Unterstützung bei den Hausbauten, das Ausheben der Siedlungsgrenzgräben und den Ausbau des Vorfluters, alles Maßnahmen, für die wir als Siedler uns zunächst gar nicht kümmern konnten, verdanken wir diesen jungen Männern. Diese 18-jährigen, aus völlig anderer Umgebung hierher verschlagenen Jungens, haben dem Zustandekommen der Siedlung Benthullen sehr geholfen. Ihnen schulden wir großen Dank. Sie, die heute ja auch schon 60 Jahre alt sind, werden sich sicher noch an das Moor mit all seinen Tücken erinnern. Welcher Art die Erinnerungen auch sein mögen, nicht alle waren von ihrem „Ehrendienst fürs deutsche Bauerntum“ überzeugt, ist ohne Bedeutung. Ihr Wirken war nützlich für uns und auch für sie selber. Wie schwer aus Wildnis Kulturland wird, war für alle Beteiligten eine nützliche Erfahrung. Ihre jungenhafte Fröhlichkeit und ihr „Erika-drei-vier“ haben uns den Anfang auch sehr viel leichter gemacht. Als dann noch der weibliche Arbeitsdienst zur Unterstützung unserer Siedlerfrauen hier stationiert wurde, konnte man mit Recht sagen, dass die Gemeinschaft unseren Willen, aus der Wildnis ein Kulturland zu machen, segensreiche Anerkennung fand. Gerade das Beispiel Benthullen beweist uns, wie nützlich es sein kann, junge Menschen an solchen Aufgaben zu beteiligen.

40 Jahre wohnen wir nun hier in Benthullen. Obgleich wir aus allen Winkeln der vier Landkreise zusammengezogen sind, sind wir eine Dorfgemeinschaft geworden, die echt und gut nachbarschaftlich ist. Viele arbeitsreiche und sorgenvolle Stunden liegen hinter uns, aber unser Einsatz hat sich gelohnt. Heute können wir nur darüber lächeln, wie man uns aus dem großen Angebot von Siedlungsbewerbern ausgesucht hat. Damals war die Zeit so, wir haben in ihr gelebt und für uns das Beste daraus gemacht.