Bertha von Kempen – Biographie

Bertha Klara von Kempen wird am 23. Dezember 1901 als fünftes Kind von Diedrich Timmermann und Katharine Timmermann in Hurrel geboren. Sie ist die jüngere Schwester von Martha von Kempen, Adolf Timmermann, Heinrich Timmermann und Johann Timmermann und die ältere Schwester von Karl Diedrich Timmermann, Karl Timmermann, Hanna Hagestedt, Georg Timmermann und Friedel Timmermann.

Wenige Wochen vor Berthas Geburt werden in Stockholm und Oslo zum ersten Mal die vom schwedischen Industriellen Alfred Nobel gestifteten Nobelpreise verliehen. Erster Preisträger in der Kategorie Medizin ist der deutsche Bakteriologe Emil von Behring, den die Weltöffentlichkeit angesichts seiner Erfolge bei der Entwicklung eines Heilmittels gegen Diphtherie als „Retter der Kinder“ feiert. Tatsächlich gelingt es mit Hilfe der von Behring entwickelten Blutserum-Therapie, die Heilungschancen bei dieser bis dahin fast immer tödlich verlaufenden Infektionskrankheit ab 1894 auf 75 Prozent zu steigern.

Ob auch Berthas Familie direkt vom in jenen Jahren forcierten Kampf der Medizin gegen die hohe Kindersterblichkeit profitiert, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Dass von insgesamt zehn Kindern neun das Erwachsenenalter erreichen, ist um das Jahr 1900 herum jedoch alles andere als selbstverständlich. Lediglich Berthas im Juli 1910 geborener Bruder Georg kommt nicht über das zweite Lebensjahr hinaus – er stirbt ausgerechnet an Diphtherie, die sich allen Fortschritten zum Trotz auch im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ihren Schrecken bewahrt.

Als Georg im August 1912 beerdigt wird, wohnt Bertha mit ihrer Familie bereits seit vier oder fünf Jahren in Vielstedt. Der genaue Zeitpunkt des Umzugs ist heute nicht mehr bekannt, er dürfte jedoch kurz vor oder kurz nach Berthas Einschulung erfolgt sein. Die Schule beendet Bertha dann wieder in Hurrel: Ihr Vater, bis dahin als Dienstknecht auf verschiedenen fremden Höfen beschäftigt, kauft dort kurz nach Georgs Tod am nördlichen Dorfrand eine eigene Hofstelle (heute: Thomas und Kerstin Schwantje).

Unmittelbar vor der Geburt von Berthas jüngstem Bruder Friedel am 11. August 1914 wirbelt der Ausbruch des Ersten Weltkriegs auch im Hause Timmermann diverse Zukunftspläne durcheinander. Berthas ältester Bruder Adolf wird ebenso zur Armee eingezogen wie ihr angehender Schwager Heinrich von Kempen – dessen Hochzeit mit Schwester Martha kann durch den Krieg bedingt erst im Dezember 1914 stattfinden, einen Tag vor Berthas 13. Geburtstag. Nur eine Woche später macht die Geburt von Marthas und Heinrichs Sohn Enno Bertha erstmals zur Tante.

Wie viel Zeit Bertha in den folgenden vier Jahren mit Martha, Enno und ihrer im Juni 1916 geborenen Nichte Wilma in deren Wohnung in Vielstedt verbringt, ist nicht überliefert. Sicher wird ihr jedoch nicht verborgen bleiben, dass es der an Tuberkulose leidenden Schwester gegen Kriegsende hin immer schlechter geht. Marthas Zustand bessert sich auch nicht, als Berthas Schwager Heinrich Ende 1918 nach Hause zurückkehrt und seine Tätigkeit als Schneidergeselle wieder aufnimmt. Schon bald siedelt Bertha deshalb abermals von Hurrel nach Vielstedt über und unterstützt die junge Familie nach Kräften.

Martha stirbt im März 1920. In den folgenden Monaten wird Bertha, mittlerweile 18 Jahre alt, für Heinrich von der Schwägerin, Haushälterin, Kinderfrau und Trösterin zur Geliebten – die beiden heiraten im Januar 1921. Der im Juni 1921 geborene Sohn Werner erlebt jedoch ebenso wenig seinen ersten Geburtstag wie die nachfolgenden Schwestern Gertrud (Juni 1922) und Anneliese (November 1925). Lediglich der zweitgeborene Sohn Rudolf (Dezember 1924) übersteht das auch in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts häufig noch kritische Säuglingsalter und wächst mit seinen Stiefgeschwistern Enno und Wilma auf.

Kurz nach Annelieses Tod beginnen Heinrich und Bertha in Hurrel mit dem Bau eines Siedlungshauses – auf einem Grundstück, das ihnen Berthas Eltern in unmittelbarer Nähe ihres Hofes zur Verfügung gestellt haben (heute: Uta Trump und Karl-Heinz Kunert). Während Heinrich als selbstständiger Schneidermeister für den Lebensunterhalt der Familie sorgt, bringt Bertha die weiteren Kinder Hans-Helmut (Mai 1928), Lorenz (Mai 1929), Robert (November 1930) und Grete (Mai 1932) zur Welt. Wenige Monate nach Gretes Geburt und auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise folgt der nächste Schicksalsschlag: Hans-Helmut stirbt an einer Lungenentzündung.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 bessert sich die wirtschaftliche Lage in Deutschland ganz allmählich – unter anderem eine Folge der massiven Aufrüstung, die bald danach einsetzt und über die völkerrechtswidrigen Einmärsche in Österreich, Tschechien und ins Memelgebiet direkt in den Polen-Feldzug und den Zweiten Weltkrieg mündet. Für Bertha beginnt nun die einzige Zeit ihres Ehelebens, in der sie längere Zeit von ihrem Mann getrennt ist: Heinrich wird zur Marine dienstverpflichtet und verbringt die folgenden zwei Jahre größtenteils in Wilhelmshaven.

Ende 1941 sind Bertha und Heinrich wieder vereint – im 600 Kilometer von Hurrel entfernten Metz. In die von deutschen Truppen besetzte lothringische Stadt hat es Berthas Stieftochter Wilma nach ihrer Hochzeit mit Otto Kloberdanz im Oktober 1941 verschlagen. Letzterer arbeitet als Obergewandmeister am örtlichen Fronttheater und hat seinen Schwiegervater in der angeschlossenen Schneiderwerkstatt untergebracht. Neben Bertha sind die jüngeren Kinder Robert und Grete und anfangs auch Lorenz dabei, das Haus in Hurrel ist derweil an Gertrud Glashoff und ihre Töchter Selma und Karla vermietet.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 ist Metz nicht mehr sicher, Bertha reist deshalb noch im Herbst desselben Jahres mit Robert und Grete nach Hurrel zurück. Dort erlebt sie nicht nur die Einnahme Hurrels durch englische und kanadische Truppen, sondern auch die etappenweise Rückkehr der meisten übrigen Familien-Mitglieder: als erstes Stieftochter Wilma mit ihrem Kindern Horst-Dieter und Gisela, als letztes Stiefsohn Enno nach seiner Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft Ende 1945. Nicht zurück kehrt dagegen Berthas Bruder Johann, zudem stirbt ihre Mutter Katharine im Juni 1945 an Krebs. Dass Bertha und Heinrich ihre Silberhochzeit im Januar 1946 eher im Stillen begehen, versteht sich angesichts der äußeren Umstände von selbst.

Die ersten Nachkriegsjahre sind bei Bertha und Heinrich – neben der ganz allgemein vorherrschenden Not – von heute kaum noch vorstellbarer Enge geprägt. Außer den eigenen Kindern Grete, Robert und Wilma inklusive Mann und zwei Kindern leben auch noch mehrere Heimatvertriebene im Haus. Ähnliches gilt für den benachbarten Hof von Vater Diedrich und Bruder Friedel, auf dem unter anderem Friedels aus Schlesien geflüchtete Schwiegermutter Frieda Härtig und die vier jüngeren Geschwister seiner Frau Martha untergekommen sind.

Der Auszug von Wilmas Familie im August 1948 schafft zwar wieder etwas mehr Platz. Trotzdem entschließt sich Heinrich Anfang 1950 zu einem Ortswechsel. Um näher bei bereits bestehenden und potentiellen neuen Kunden zu sein, bevorzugt er für seine Schneiderwerkstatt den Standort Hude und kauft dort ein Haus in der Blumenstraße (heute: Barbara Jakob). Auch im neuen Umfeld hält Bertha Heinrich in gewohnter Manier den Rücken frei für seine Arbeit, der er nach der etwas größer gefeierten Goldenen Hochzeit im Januar 1971 bis weit über sein 80. Lebensjahr hinaus nachgeht.

Nach Heinrichs Tod im Mai 1978 bleibt Bertha weiter mit Sohn Robert im Haus an der Blumenstraße wohnen, Tochter Grete lebt mit ihrem Mann Arnold Roder und den Kindern Axel und Astrid gleich nebenan. Bertha selbst stirbt am 12. Juli 1986 und wird fünf Tage später an Heinrichs Seite auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude beerdigt.