Georg Barkemeyer – Biographie

Georg Dietrich Barkemeyer wird am 16. Juni 1883 als drittes Kind von Diedrich Barkemeyer und Meta Barkemeyer auf dem elterlichen Hof in Hurrel (heute: Irmgard Wachtendorf) geboren. Er ist der jüngere Bruder von Annchen Rüschen und Meta Punke.

Elf Tage vor Georgs Geburt startet der vom belgischen Geschäftsmann Georges Nagelmackers begründete Orient-Express zu seiner ersten Fahrt. Sie führt den Luxuszug von Paris aus über Straßburg, München, Wien, Budapest, Belgrad und Bukarest bis zum rumänischen Donau-Hafen Giurgiu. Anschließend setzen die Passagiere mit einer Fähre über den Fluss über und reisen mit einem Lokalzug durch Bulgarien zum Schwarzmeer-Hafen Varna weiter, bevor sie nach knapp 82 Stunden Konstantinopel erreichen.

Weil im Juni die zuvor georderten, modernen Drehgestell-Waggons noch nicht zur Verfügung stehen, beginnt die offizielle, publikumswirksam angekündigte Jungfernfahrt erst am 4. Oktober 1883. Nagelmackers hat dafür neben Vertretern der beteiligten Bahngesellschaften und der durchfahrenen Staaten unter anderem die bekannten Journalisten Henri Opper de Blowitz und Edmond About eingeladen. Ihre schwärmerischen Reiseberichte tragen wesentlich dazu bei, dass sich die Reichen und Mächtigen des ausgehenden 19. Jahrhunderts schon bald um Tickets für den Palast auf Rädern reißen.

Als die Passagiere des Orient-Express nach Fertigstellung des Bahnhofs Sirkeci im November 1890 ihr Ziel Konstantinopel erstmals ohne Umstieg erreichen, besucht Georg bereits wie alle Hurreler Kinder jener Zeit die von seinem Zuhause knapp drei Kilometer entfernt liegende Volksschule in Lintel. Ein Umstand, der ihn nach dem Abschluss 1897 Erzählungen aus der Familie zufolge zu Recht ein wenig ärgert: Just in jenem Jahr nämlich erhält Hurrel ein eigenes Schulgebäude, das auf dem Land seines Vaters erbaut wird und den Schulweg auf 250 Meter verkürzt hätte.

Nach dem Schulabschluss bleibt Georg zunächst zu Hause und hilft bei der Bewirtschaftung des damals rund 20 Hektar umfassenden Barkemeyer-Hofes. In dieser Zeit verschlimmert sich ein Rückenleiden seiner Mutter Meta – sie kann das Bett fortan nur noch selten verlassen und ist bis zu ihrem Tod im März 1906 auf Pflege angewiesen. Diese übernimmt, als Georgs Schwestern heiraten und den Hof verlassen, die Haushälterin Sophie Albers.

Nach seinem dreijährigen Militärdienst beim Oldenburgischen Dragoner-Regiment Nr. 19 in Osternburg heiratet Georg am 24. Mai 1910 die gleichaltrige Nachbarstochter Frieda Rüdebusch. Unmittelbar darauf beginnt das junge Paar damit, die Diele des Barkemeyer-Hofes zu verlängern. Kurz darauf zieht Vater Diedrich mit seiner neuen Lebensgefährtin Sophie Albers nach Kayhausen im Ammerland.

Anfang Februar 1911 wird Georgs und Friedas Tochter Erna geboren, im Oktober 1912 Sohn Karl. Was im Vorfeld der zweiten Schwangerschaft niemand bemerkt: Es befindet sich ein weiterer, früh abgestorbener Fötus im Mutterleib – mit dramatischen Folgen für Mutter und Kind. Frieda überlebt die damit verbundene Vergiftung nur knapp, Karl kommt schwer behindert mit verkrüppelten Gliedmaßen zur Welt.

Die Freude über die ohne Komplikationen verlaufende Geburt der zweiten Tochter Henny im April 1914 währt nur kurz: Vier Monate später beginnt der Erste Weltkrieg, in dessen Folge Kaiser Wilhelm II. auch Georg zu den Waffen ruft. An welche Schauplätze ihn die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts in den folgenden Jahren führt, ist heute in der Familie nicht mehr bekannt. Georg kehrt jedoch Ende 1918 unversehrt nach Hause zurück und übernimmt wieder die Führung des Hofes. Als sich die Lage in Deutschland nach der Gründung der Weimarer Republik allmählich normalisiert, wird Georg zudem politisch aktiv: Für den Landbund sitzt er zwölf Jahre lang – von 1921 bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 – im Huder Gemeinderat.

Die Sorge, was aus dem 1681 begründeten Hof werden soll, verflüchtigt sich vorübergehend, als Tochter Henny 1938 Benno Wilkens heiratet. Doch aus der geplanten Übernahme durch seinen Schwiegersohn wird nichts: Georg und Benno haben, was die Landwirtschaft betrifft, unterschiedliche Auffassungen, und Benno zieht schon nach wenigen Monaten zurück auf den elterlichen Hof nach Lintel. Da Georg zu dieser Zeit bereits erste Probleme mit den Augen bekommt und auch Ehefrau Frieda gesundheitlich angeschlagen ist, beschließt er schweren Herzens, den größten Teil des Viehbestands zu verkaufen und das zum Hof gehörende Land zu verpachten.

Eine Entscheidung, die knapp zehn Jahre später ungeahnte Folgen hat: Nach dem abermals verlorenen Zweiten Weltkrieg fällt das auf der Bank geparkte Kapital weitgehend der Währungsreform zum Opfer. Das macht Hennys Tochter Irmgard, der Georg den Hof bereits 1946 mit der Auflage, den behinderten Sohn Karl zu pflegen, überschrieben hat, den Neustart schwerer als erwartet. Doch er gelingt: Im September 1953 siedelt Irmgard im Alter von 15 Jahren auf den Barkemeyer-Hof über, der zu jenem Zeitpunkt neben Georg, Frieda und Karl noch das 1945 aus Schlesien geflüchtete Ehepaar Theodor und Maria Moskwa beherbergt. Sie lässt den Hof nach ihrer Hochzeit mit Gerold Wachtendorf im Mai 1961 wieder aufleben.

Schon vor Irmgards Einzug schreitet der bei Georg diagnostizierte Grüne Star weiter fort. Nach einer letzten, von einer Bindehautentzündung begleiteten Operation Anfang 1954 verliert er sein Augenlicht vollends. Dennoch bleibt er – dem stets zu den Abendnachrichten eingeschalteten Radio sei Dank – über das Weltgeschehen auf dem Laufenden.

Im Mai 1960 feiert Georg mit Frieda bei ansonsten zufriedenstellender Gesundheit Goldene Hochzeit, drei Jahre später dann seinen 80. Geburtstag. Da ist Georg allerdings bereits stark geschwächt. Er stirbt zwei Wochen später, am 27. Juni 1963 – einen Tag, nachdem US-Präsident John F. Kennedy in Berlin die berühmten Worte „Ich bin ein Berliner“ spricht. Beerdigt wird Georg am 2. Juli, dem 25. Geburtstag seiner Enkelin Irmgard, auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude. Es ist Irmgards Erinnerungen zufolge das letzte Mal in Hurrel, dass der dazugehörige Gottesdienst im Hause des Verstorbenen stattfindet.