Anneliese Wiechmann wird am 30. Juni 1925 als drittes Kind von Georg Heinrich Sparke und Frieda Sparke geboren – ob in Hurrel oder in der Frauenklinik in Oldenburg, lässt sich nicht mehr mit Gewissheit sagen. Sie ist die jüngere Schwester von Heinrich Sparke und Elfriede Klattenhoff.
Fünf Tage nach Annelieses Geburt kehrt der norwegische Polarforscher Roald Amundsen von seiner ersten Nordpol-Flugexpedition nach Oslo zurück. Dort bereitet die Bevölkerung ihm und den fünf anderen Teilnehmern – darunter der US-Millionärssohn Lincoln Ellsworth und der deutsche Mechaniker Karl Feucht – einen begeisterten Empfang: Der Landung auf dem Oslofjord folgt ein Triumphzug durch die mit Flaggen und Girlanden geschmückte Hauptstadt bis zum Königlichen Schloss, wo sich ein Dinner mit der Königsfamilie anschließt.
Zunächst sieht es so aus, als sollte das von langer Hand vorbereitete Wagnis zu einem Flug ohne Wiederkehr geraten. Das am 21. Mai 1925 von Spitzbergen aus mit zwei Dornier-Flugbooten (N24 und N25) aufgebrochene Sextett muss rund 250 Kilometer vor dem Nordpol auf dem Packeis notlanden. Dabei wird die N24 so schwer beschädigt, dass an einen Weiterflug nicht zu denken ist. Mehr als drei Wochen lang hauen die sechs Männer mit bloßen Händen und primitivsten Werkzeugen eine Startpiste aus dem Eis, bevor sie sich am 15. Juni in die verbliebene N25 zwängen und den Rückflug antreten. Sein eigentliches Ziel hat Amundsen – 1911 glücklicher Sieger im Wettlauf zum Südpol – damit zwar verfehlt. Der Beweis allerdings, dass Flugzeuge unter arktischen Bedingungen operieren können, ist ihm gelungen.
Die Erfahrungen von 1925 fließen unmittelbar in Amundsens nächstes Vorhaben ein. Am 12. Mai 1926 überqueren er, Ellsworth und der italienische Luftschiff-Konstrukteur Umberto Nobile an Bord des in Spitzbergen gestarteten Luftschiffs „Norge“ als erste Menschen nachweislich den Nordpol und landen 52 Stunden später ohne größere Probleme in Alaska. Damit ist Amundsen der einzige Polarforscher der Geschichte, der beide Pole erreicht hat.
In den Monaten danach vergiftet ein erbitterter öffentlicher Streit zwischen Amundsen und Nobile die Erinnerung an den gemeinsamen Erfolg: Beide beanspruchen das größere Verdienst für sich. Um seine Sicht auf die Dinge zu unterstreichen, startet Nobile im Mai 1928 mit dem Luftschiff „Italia“ eine weitere Nordpol-Mission unter seiner Regie. Sie endet jedoch in einer Katastrophe: Auf der Rückfahrt stürzt die „Italia“ nahe der Insel Foynøya ab, Nobile und acht weitere Überlebende (von ursprünglich 16 Teilnehmern) stecken fest. An der letztlich geglückten Rettungsaktion beteiligt sich auch Amundsen, verschwindet dabei aber mit seinem Flugboot unter bis zum heutigen Tag ungeklärten Umständen spurlos.
Als am 12. Juli 1928 der sowjetische Eisbrecher „Krasin“ die letzten noch an der Unglücksstelle ausharrenden Expeditions-Mitglieder an Bord nimmt, wohnt Anneliese vermutlich bereits nicht mehr in Hurrel. Dort war ihre Familie eher provisorisch untergekommen – in einem Heuerhaus, das zur Hofstelle ihres Großvaters Heinrich Nicolaus Sparke (heute: Gerold und Annegret Sparke) gehört. In eben jenem Jahr 1928 kauft Vater Georg dann in Altmoorhausen den Hof von Johann Bruns (heute: Ulrike Meyer-Fangmann). Dort wächst Anneliese mit ihren Geschwistern auf und wird irgendwann im Frühjahr 1932 in die Volksschule Altmoorhausen eingeschult. Zu ihren in etwa gleichaltrigen Schulkameradinnen gehören Käthe Hemme und Magda Schweers, mit denen sie ein Leben lang befreundet bleiben wird.
Mag Altmoorhausen von den Brennpunkten der zu jener Zeit bereits ums Überleben kämpfenden Weimarer Republik auch weit entfernt sein – dass dem Land infolge der Weltwirtschaftskrise bedeutende Umwälzungen bevorstehen, liegt angesichts von in der Spitze sechs Millionen Arbeitslosen und einer seit der Hyperinflation der frühen 1920er Jahre gefährlich überschuldeten Landwirtschaft förmlich in der Luft. Die Profiteure dieser Not sind die Nationalsozialisten. Im Mai 1932 erringen sie bei der Landtagswahl im Freistaat Oldenburg die absolute Mehrheit. Dieses Ergebnis zeichnet den Weg vor, den die Republik insgesamt nehmen wird. Im Januar 1933 ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg den NSDAP-Führer Adolf Hitler zum Reichskanzler. Das nur wenige Wochen später vom Reichstag verabschiedete Ermächtigungsgesetz öffnet dann dem totalitären NS-Staat Tür und Tor. Die unmittelbar darauf einsetzende Gleichschaltung erfasst alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens und somit auch die Lehrpläne der Schulen.
Die zunehmende Militarisierung des Alltags bleibt in Annelieses direkter Umgebung nicht ohne Folgen: Anfang Januar 1937 stirbt ihr Mitschüler Harro Hartmann, Sohn des gemeinsamen Klassenlehrers Friedrich Hartmann und nur anderthalb Jahre älter als sie, bei einem tragischen Schießunfall. Noch bevor Anneliese die Schule beendet, löst der deutsche Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg aus. Er wird in den folgenden Jahren weitere ehemalige Klassenkameraden das Leben kosten – darunter auch Heinz Hemme, den jüngeren Bruder ihrer besten Freundin Käthe. Wenige Monate nach Kriegsbeginn, am Heiligabend des Jahres 1939, stirbt in Hurrel Annelieses Großvater Heinrich Nicolaus Sparke.
Während Annelieses Bruder Heinrich (in der Familie nur kurz Heinz gerufen) ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen wird, erlebt sie selbst die ersten Kriegsjahre in Dötlingen. Dort ist sie auf dem Tabkenhof in Stellung, einem der größten Bauernhöfe der Region. Dessen historisches Haupthaus geht Anfang Juli 1942 nach dem Abwurf feindlicher Phosphor-Brandbomben in Flammen auf – nur wenige Wochen, nachdem Annelieses Elternhaus dasselbe Schicksal erlitten hat. Bei diesem Angriff wird Heinz Sparke, der sich zum Auskurieren einer an der Front erlittenen Verletzung zu Hause aufhält, ein zweites Mal schwer verwundet. Daraufhin kehrt Anneliese nach Altmoorhausen zurück, wo sie im Frühjahr 1945 auf dem noch immer nur provisorisch bewohnbaren Sparke-Hof die Einnahme der Region durch kanadische Truppen erlebt.
Annelieses Eltern haben den Krieg ohne sichtbare Blessuren überstanden, Schwester Elfriede und ihr damaliger Ehemann Ernst Klattenhoff auch. Bruder Heinz, eigentlich als Hoferbe vorgesehen, lässt sich nach seiner Beinamputation vom Landwirt zum Lehrer umschulen und heiratet im Dezember 1946 Linda Dinklage aus Kirchhatten. Annelieses Onkel Adolf Sparke in Hurrel wiederum ist noch bis Frühjahr 1947 in amerikanischer Gefangenschaft, so dass dessen Besitz zumindest teilweise von ihrer Familie mitbewirtschaftet wird. Folglich hält sich auch Anneliese des Öfteren in Hurrel auf, wo sie ihren späteren Ehemann Willi Wiechmann aus Dingstede kennenlernt. Wann genau und bei welcher Gelegenheit? Das liegt heute ebenso im Dunkeln wie so manch anderes Detail jener Zeit, über die in erster Linie eines überliefert ist: Es mangelt überall an allem, und aus dem bunt zusammengewürfelten Miteinander von alteingesessenen Dorfbewohnern und aus ihrer Heimat vertriebenen Schlesiern, Pommern und Ostpreußen wächst allmählich eine ganz neue Gemeinschaft zusammen.
Anneliese und Willi heiraten am 18. Juni 1948 – zwei Tage, bevor in den westlichen Besatzungszonen die Währungsreform in Kraft tritt. Danach pachten sie in Munderloh den Hof von Hermine Hemme, deren Ehemann Otto seit Kriegsende als vermisst gilt. Im November 1949 bringt Anneliese ihren Sohn Horst zur Welt. Zu diesem Zeitpunkt ist sie vermutlich schon an Tuberkulose erkrankt und muss für längere Zeit in eine Lungenheilstätte. Schweren Herzens beschließt sie gemeinsam mit Willi, die Pacht vorzeitig zu beenden und Horst bis auf Weiteres zu seinen Großeltern Bernhard und Meta Wiechmann nach Dingstede zu geben.
Am Ende macht Anneliese sogar in drei Lungenheilanstalten Station: in Huntlosen, in Wildeshausen und in Blankenburg. Die längste Zeit verbringt sie mutmaßlich im ehemaligen Dominikanerinnen-Kloster Blankenburg am östlichen Stadtrand von Oldenburg. Von dort stammen zumindest diverse Fotos, die Anneliese im Kreis von Leidensgenossinnen zeigen, sowie einige später an ihren Sohn überlieferte Erinnerungen. Etwa an diverse Fahrten mit Anton Budde: Der Altmoorhauser Unternehmer führt nicht nur seit 1938 die örtliche Gastwirtschaft, sondern betreibt auch einen Taxi-Service. Oder an einen der damals noch strengen Winter, in denen sie auf der dann zugefrorenen Hunte von Blankenburg bis in die Innenstadt von Oldenburg spazieren gehen kann.
Ehemann Willi kommt zunächst auf dem wiederaufgebauten Hof von Annelieses Eltern unter, auf dem auch seine inzwischen geschiedene Schwägerin Elfriede mit den Söhnen Klaus und Gerd lebt. Irgendwann im Laufe des Jahres 1952 – die auf den Trümmern des NS-Staates entstandene Bundesrepublik Deutschland ist mittlerweile drei Jahre alt – steht dann ganz in der Nähe eine kleine, ursprünglich von Friedrich Wilhelm Quitsch begründete Landstelle zum Verkauf. Willi fackelt nicht lange, und als Anneliese 1953 oder 1954 endlich als geheilt entlassen wird, erwartet sie dort ihr neues, in den folgenden Jahren durch Um- und Anbauten mehrfach umgestaltetes Zuhause am Brenningsweg. Irgendwann 1955 oder 1956 stößt auch Sohn Horst – inzwischen sechs Jahre alt – wieder hinzu.
Um allein von der Landwirtschaft zu leben, reicht die zur ehemaligen Quitsch-Stelle gehörende Fläche nicht aus. Deshalb nimmt Willi eine Stellung in der nahegelegenen Ziegelei Munderloh an. Noch bevor im September 1962 der zweite Sohn Gerno die Familie vollständig macht, tauscht er diese körperlich schwere Arbeit gegen eine Tätigkeit als Fahrer für die Molkerei in Wüsting ein. Anneliese führt derweil den Haushalt, versorgt die Kinder und kümmert sich um die tägliche Bewirtschaftung des kleinen Hofes.
Während Anneliese gesundheitlich halbwegs wieder hergestellt ist, geht es Willi trotz Arbeitsplatz-Wechsel von Jahr zu Jahr schlechter. Zu den Einschränkungen durch den kriegsbedingten Verlust des rechten Auges kommen weitere Probleme hinzu. Ende 1965 erzwingt ein akutes Nierenversagen seine Einlieferung ins Peter Friedrich Ludwigs Hospital nach Oldenburg. Dort stirbt er am 28. Januar 1966, sechs Tage nach seinem 44. Geburtstag. Für Anneliese die folgenschwerste, aber nicht die einzige Hiobsbotschaft in jenem Jahr: Im März 1966 stirbt überraschend auch Mutter Frieda, und im Juni schlägt der Blitz in eine zum Wiechmann-Hof gehörende Scheune ein und setzt sie in Brand.
Einiges zu verdauen also – doch irgendwie muss es weitergehen. Mit 400 Mark Witwenrente lassen sich keine großen Sprünge machen, und auch die Erträge der Landwirtschaft reichen allein nicht aus. Immerhin: Als Lehrling des örtlichen Werkstatt-Besitzers Emil Bleckwehl steuert inzwischen auch der ältere Sohn Horst Geld zum Lebensunterhalt der nun dreiköpfigen Familie bei. Anneliese beschließt, die Kühe abzuschaffen und fortan nur noch einige Schweine zu halten. Zudem konzentriert sie sich auf ihren Garten und bebaut ihn mit allem, was sich verkaufen lässt: Bohnen, Erbsen, Karotten, dazu allerlei Obst. Zu den festen Abnehmern gehört unter anderem die Traditions-Gaststätte „Zum Deutschen Haus“ in Kirchhatten. Später vertreibt Anneliese auf Provisionsbasis Sämereien für eine Gärtnerei und arbeitet als Reinigungskraft bei Kurt und Hella Bisanz in Lintel sowie bei der Genossenschaft in Wüsting. Der Führerschein, den sie sich noch zu Willis Lebzeiten erworben hat, erweist sich dabei als unverzichtbar. Sie wird ihn bis ins hohe Alter nutzen; ihr erstes eigenes Auto ist ein weißer A-Kadett.
Im April 1978 zieht Horst aus; zwei Monate später heiratet er Hannelore Schütte aus Altmoorhausen. Im September 1982 wird Enkelsohn Sascha geboren, im Juli 1985 Enkeltochter Christina. Der zweite Sohn Gerno heiratet 1986, bleibt aber mit Ehefrau Elke am Brenningsweg wohnen.
Im Ruhestand lässt Anneliese es bewusst ruhiger angehen. Das wöchentliche Kartenspiel mit den Nachbarsfrauen Käthe Claußen, Wilma Meyer, Lisa Mohrschladt und Anneliese Osterloh gehört zu den Terminen, die über viele Jahre hinweg Bestand haben; alle vier Wochen geht es überdies nachmittags zum Kegeln in die Gaststätte Wicht. Gestrickt für die Enkel- und Schwiegerkinder wird ebenfalls viel. Auch Kurzurlaube stehen nun des Öfteren auf dem Programm. Per Reisebus geht es vorzugsweise mit dem Reichsbund nach Bayern oder in den Schwarzwald. Nach dem Mauerfall 1989 erkundet Anneliese auf diese Weise auch die sich in Abwicklung befindliche DDR und berichtet anschließend vom traurigen Zustand vieler Gärten in der realsozialistischen Provinz. Nicht zuletzt zieht es Anneliese hin und wieder nach Stuttgart, wo inzwischen Käthe Hemme (verheiratete Möderle) lebt. Deutlich häufiger sind aber Käthes Gegenbesuche in Altmoorhausen, die die zwei langjährigen Schulfreundinnen jedes Mal sehr genießen.
Was Anneliese nie ganz loslässt, ist die Tuberkulose. Die Narben, die die Krankheit in der Lunge hinterlassen hat, machen sich mit den Jahren immer stärker bemerkbar. Schon bald nach ihrem 80. Geburtstag, den sie im Juni 2005 mit der Familie, Verwandten und langjährigen Weggefährten in der Gaststätte von Dieter und Karin Wicht feiert, wird das Sauerstoffgerät zu einem festen Begleiter. Anfang 2010 kommt sie zur Kurzzeitpflege in ein Kirchhatter Seniorenheim.
Anneliese stirbt am 6. Februar 2010. Beigesetzt ist sie sechs Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.