Harm Barkemeyer – Biographie

Harm Barkemeyer wird Mitte August 1686 als drittes Kind von Gert Barkemeyer und Imke Barkemeyer auf dem elterlichen Hof in Hurrel (heute: Michael und Meike Helmers) geboren. Er ist der jüngere Bruder von Johann Barkemeyer und Gert Barkemeyer Junior. Mit Johann Barkemeyer, Grete Barkemeyer, Gerd Barkemeyer und Alke Schütte hat er noch vier ältere Halbgeschwister aus der ersten Ehe seines Vaters mit Gebke Reinken.

In den Wochen nach Harms Geburt muss sich Hamburg gegen eine drohende dänische Einnahme zur Wehr setzen. Ein Konflikt mit langer Vorgeschichte: Aus Sicht von Dänemarks König Christian V. gehört Hamburg – obwohl von Kaiser Maximilian I. 1510 zur Freien Reichsstadt erhoben – nach wie vor zum Herzogtum Holstein und damit zum dänischen Machtbereich. Mehrere zwischen 1616 und 1643 unternommene Versuche, die Stadt militärisch zu unterwerfen, waren gescheitert. Dass Christian es nun ein weiteres Mal versucht, hat vor allem mit innerstädtischen Konflikten zu tun. Im Juni 1684 hatte Hamburgs Bürgerschaft unter der Führung der Kaufleute Cord Jastram und Hieronymus Snitger den gewählten Bürgermeister Heinrich Meurer des Amtes erhoben und ihn des Verrats bezichtigt. Dieser ist daraufhin nach Celle an den Hof des Herzogs Georg Wilhelm von Lüneburg geflüchtet. Um Meurers Wiedereinsetzung ins Amt zu erzwingen, marschiert im Januar 1686 ein Lüneburger Heer Richtung Hamburg und besetzt mehrere Vororte. Von Jastram und Snitger als vermeintlicher Retter aus der Not um Hilfe gebeten, schickt Christian eine 16.000 Mann starke Armee. Als sie am 19. August 1686 vor den Toren der Stadt steht, offenbart der Dänen-König seine wahren Absichten.

Christians Aufforderung zur Kapitulation verändert die Lage schlagartig. Jastram und Snitger verlieren ihren Rückhalt in der Bürgerschaft und werden verhaftet. Die Truppen aus Lüneburg wiederum wechseln die Seite. Gemeinsam mit den Hamburgern und schwedischen Freiwilligen liefern sie sich mit den Belagerern bis zum 26. August schwere Gefechte. Da die Stadt nicht vollständig eingeschlossen ist, kommt weitere Verstärkung hinzu, unter anderem aus Brandenburg. Das zwingt Christian zum Rückzug, dem intensive Verhandlungen unter der Federführung mehrerer europäischer Mächte wie Brandenburg und England folgen. Darin bekommt Dänemark zwar eine Kriegsentschädigung zugesprochen, der Status Hamburgs als Freie Reichsstadt – fortan wieder von Heinrich Meurer als Bürgermeister regiert – wird jedoch nicht in Frage gestellt. Ein schlimmes Ende nimmt der Konflikt für die Rebellen Jastram und Snitger: Das Hamburger Niedergericht verurteilt sie am 27. September 1686 zum Tode. Nach der Hinrichtung am 4. Oktober 1686 werden ihre Leichname ausgeweidet und gevierteilt, ihre abgeschlagenen Köpfe vor dem Millerntor und dem Steintor auf Pfählen zur Schau gestellt.

Drakonische Strafen, die aber durchaus dem damaligen Zeitgeist entsprechen. Eine andere Sitte jener Epoche hilft dabei, den nicht exakt überlieferten Geburtstag von Harm Barkemeyer in Hurrel einzugrenzen. Bekannt ist lediglich das Taufdatum 16. August 1686 – das aber sehr nah am gesuchten Datum liegen dürfte. Taufen nämlich werden im ausgehenden 17. Jahrhundert meist unmittelbar nach der Geburt vollzogen. Angesichts der hohen Säuglingssterblichkeit und der Bedeutung, die die lutherische Lehre diesem Akt für das Seelenheil beimisst, soll ein Kind möglichst keinen Tag lang ungeweiht bleiben. Sollte Harm nicht wie 1682 sein älterer Bruder Gert am selben Tag getauft worden sein, so höchstwahrscheinlich maximal einen Tag oder zwei Tage später. Auf die Welt gekommen wäre er dann also am 15. oder frühestens am 14. August 1686.

Was ist sonst noch bekannt aus Harms Leben? Erwartungsgemäß nicht viel, aber so viel doch: Der Hof, den seine Familie bewirtschaftet, existiert 1686 bereits seit mindestens 165 Jahren. Eine Zeitspanne, die von der Einführung der Reformation in der Grafschaft Oldenburg über den Dreißigjährigen Krieg bis zum Tod des Landesherrn Anton Günther im Jahre 1667 reicht, der die Grafschaft per Erbvertrag an Dänemark fallen lässt. Als erster Besitzer wird 1521 Reynke uppn Hurlle genannt. Dessen Nachfahrin Gebke Reinken hat Harms Vater Gert Barkemeyer den Informationen der Oldenburgischen Gesellschaft für Familienkunde (OGF) zufolge „um das Jahr 1656“ herum geheiratet. Gebke Reinken stirbt laut OGF-Archiv „vor dem 5. März 1676“ – wobei nicht klar wird, von welchem konkreten Ereignis sich dieses Datum ableitet und wie viele der vier Kinder des Paares zu diesem Zeitpunkt noch am Leben sind. Dass die beiden Söhne Johann und Gerd das Erwachsenenalter erreichen, darf jedoch als ausgeschlossen gelten: Zum einen wären dann ihre Namen in der zweiten, im Februar 1677 geschlossenen Ehe nicht erneut vergeben worden, und zum anderen hätte dann sehr wahrscheinlich später einer von ihnen den Hof geerbt.

So kommt es, dass Harm als jüngstem Sohn aus zweiter Ehe die Rolle des Grunderben zufällt. Wie groß der elterliche Besitz damals ist, liegt heute im Dunkeln. Ganz sicher kleiner als jene 70 Hektar, die zur 1501 geteilten Keimzelle des Dorfes, dem Hof von Johann Wübbenhorst (heute: Ursula Schlake), gehören. Aber auf jeden Fall größer als die Höfe späterer Siedler, die in Hurrel als Brinksitzer oder Anbauer eine Heimat finden. Für die damalige Bedeutung des Barkemeyer-Hofes spricht auch, dass er zu Harms Lebzeiten über gleich zwei Heuerhäuser verfügt, in denen Bedienstete untergebracht sind.

Harm gehört zu den ersten Kindern aus Hurrel, die die 1682 neu eingerichtete Volksschule im Nachbardorf Lintel besuchen. Wie damals üblich aber wohl nur in den Wintermonaten, weil in dieser Zeit die Mithilfe der Kinder auf dem elterlichen Hof weniger gefragt ist. Regelmäßiger Unterricht in den Sommermonaten findet erst von 1755 an statt. Unmittelbar nach Schulabschluss und Konfirmation erlebt Harm in Hurrel die Umstellung vom julianischen auf den gregorianischen Kalender: Auf den 18. Februar 1700 folgt der 1. März 1700, die Tage dazwischen existieren nicht.

Der Beginn des 18. Jahrhunderts markiert für die Grafschaft Oldenburg ganz allgemein keine gute Zeit. Das „dänische Sibirien“, wie man die weit entfernte Provinz in der Hauptstadt Kopenhagen damals angeblich nennt, erhält vom Königreich kaum Unterstützung. Im Gegenteil: Weil Frederik IV. (ältester Sohn und seit 1699 Nachfolger von Christian V.) gleich zu Beginn seiner Amtszeit einen mit Unterbrechungen bis 1721 dauernden Krieg gegen Schweden führt, wird Oldenburg finanziell ausgepresst und muss in dieser Zeit auch immer wieder Soldaten stellen. Da zudem unter dänischer Herrschaft das unter Graf Anton Günther deutlich erweiterte Deichsystem an Nordsee und Weser nicht hinreichend gepflegt und ausgebessert wird, hat die an Heiligabend 1717 über die Grafschaft hereinbrechende Weihnachtsflut leichtes Spiel.

Wie sich all diese Ereignisse auf die Menschen in Hurrel auswirken, darüber lässt sich mehr als drei Jahrhunderte später nur spekulieren. Nahezu alle der rund zwei Dutzend ansässigen Bauernfamilien dürften jedoch mit massiven wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben. Dazu passt, dass es zwischen 1703 und 1736 im Dorf keine einzige neue Hofgründung gibt. Wie dünn die Datenlage für jene Jahre ist, zeigt sich unter anderem daran, dass die für die Heimatforschung verfügbaren Quellen keinerlei Information zu Harms späterer Ehefrau hergeben – nicht einmal ihren Namen. Für die Hochzeit nennt die OGF zwei verschiedene Daten, die im Ungefähren bleiben. „Um 1713“ heißt es im Gesamtverzeichnis für die Kirchenbücher des Großherzogtums Oldenburg, „um 1715“ in der Unter-Datei für die Gemeinde Hude. Deutlich mehr Details gibt es die Nachkommen betreffend: Mit Gesche (1717), Beke Marie (1723), Gerd (um 1725), Johann Hinrich (um 1730) und Johann Bernd (10. Februar 1731) gehen aus Harms Ehe mindestens fünf Kinder hervor. Das auf den Tag genau bestimmbare Geburtsdatum des jüngsten Sohnes ergibt sich dabei durch Rückrechnung aus einem erhalten gebliebenen Sterbebuch der Kirchengemeinde Hude. Dem entsprechenden Eintrag zufolge stirbt Johann Bernd am 10. April 1805 und hat exakt 74 Jahre und zwei Monate gelebt.

Alle fünf genannten Kinder erreichen das Erwachsenenalter – was im 18. Jahrhundert noch immer alles andere als selbstverständlich ist. Und auch Harm selbst lebt lang genug, um ihren Werdegang zu verfolgen. Gesche heiratet 1738 Johann Diedrich Albers aus Dingstede, Beke Marie „um 1747“ Sander Pieper aus Hurrel, Gerd 1752 zunächst seine Nachbarin Catharine Margarethe Witte und nach deren Tod 1760 Catharine Elisabeth Wilkens aus Geveshausen. Johann Hinrich kann durch seine 1753 geschlossene Ehe mit Ahlke Margarete Michael einen Hof in Vielstedt übernehmen und Hoferbe Johann Bernd nimmt „vor 1753“ Wübke Würdemann aus Hurrel zur Frau. Unter dem Strich stehen am Ende für Harm insgesamt 24 Enkelkinder, die zwischen 1739 und 1784 zur Welt kommen.

Nach der verheerenden Flut-Katastrophe von 1717 widmet Dänemark seinem südwestlichen Außenposten Oldenburg etwas mehr Aufmerksamkeit als in den Jahren zuvor, so dass sich ab den 1720er Jahren ein – freilich recht bescheidener – Aufschwung einstellt. In Harms letztem Lebensjahrzehnt droht dann der 1756 ausbrechende Siebenjährige Krieg noch einmal Unruhe in sein Heimatdorf zu bringen. Doch Dänemark verhält sich in diesem hauptsächlich zwischen Preußen und Großbritannien auf der einen und Frankreich und Österreich auf der anderen Seite geführten Konflikt neutral. Anders als Ostfriesland oder die Region um Hannover bleibt Oldenburg von Zwangseinquartierungen, Verpflegungs-Befehlen und französischer Besetzung verschont.

Harm stirbt den Angaben der OGF zufolge am 16. Oktober 1763, acht Monate nach Ende des Siebenjährigen Krieges. Beerdigt ist er laut dieser Quelle noch am selben Tag auf dem Friedhof der St-Elisabeth-Kirche in Hude – was allerdings wenig realistisch ist. Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei dem genannten Tag um das Begräbnis-Datum, gestorben (im Alter von 77 Jahren) ist Harm vermutlich drei oder vier Tage vorher.