Eva-Maria Quathamer – Biographie

Eva-Maria Franziska Quathamer wird am 2. Juli 1925 als zweites Kind von Leo Jung und Margaretha Jung in Oldenburg geboren. Sie ist die um 15 Minuten jüngere Zwillingsschwester von Conrad Jung.

Zwei Tage nach Eva-Marias Geburt fordert der Zusammenbruch des Pickwick Clubs in Boston 44 Menschenleben. Das Unglück ist der bis heute opferreichste Gebäude-Einsturz in der Geschichte der US-Ostküsten-Metropole. Der erst im Januar 1925 eröffnete Club liegt im zweiten Stockwerk eines fünfstöckigen Hauses in der Beach Street. Er zählt zu jenen Vergnügungslokalen, die sich während der seit 1920 geltenden Prohibition in fast allen größeren Städten der USA etabliert haben. Tagsüber als harmlose Cafés getarnt, verwandeln sie sich nach Einbruch der Dunkelheit in rauschende Tanzbars – Zugang haben nur Mitglieder, die eine entsprechende Legitimation vorweisen. Argwöhnisch beobachtet von den zuständigen Behörden: Derartige „Speakeasys“ gelten als Treffpunkt der Unterwelt, wo illegal Alkohol ausgeschenkt wird und es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt.

Am Abend des 3. Juli 1925 strömen rund 200 Menschen in den Club, um in den Unabhängigkeitstag hineinzufeiern. Gegen 3.30 Uhr morgens drängen sich etwa 50 bis 60 Paare in der Mitte des Saals und tanzen Charleston. Späteren Berichten von Überlebenden zufolge beginnen dabei plötzlich die Lichter zu flackern. Sekunden später gibt die Decke über der Tanzfläche nach. Die herabstürzenden Trümmer der oberen Stockwerke reißen den Boden unter den Füßen der Gäste weg und ziehen das gesamte Gebäude in den Keller. Wer sich auf der Tanzfläche aufhält, wird in die Tiefe geschleudert, begraben unter Tonnen von Stein, Putz und Balken. Andere Gäste können sich im letzten Moment in Sicherheit bringen oder werden von den anrückenden Hilfskräften mühsam aus den Trümmern befreit.

Schon unmittelbar nach der Katastrophe macht eine groteske Erklärung die Runde: Der Charleston sei schuld. Die stampfenden Bewegungen der Tänzer hätten Vibrationen erzeugt, die das Bauwerk zum Einsturz gebracht hätten. Bostons Bürgermeister James Michael Curley fordert prompt ein sofortiges Verbot des Tanzes, findet damit aber nur wenig Gehör. Letztlich kommt die nach dem Unglück einberufene Grand Jury zu einem anderen Schluss: Sie macht nicht den Charleston, sondern gravierende bauliche Mängel für das Desaster verantwortlich. Die Statik sei bereits vor einem im April 1925 ausgebrochenen Brand in ihrem Gefüge geschwächt gewesen, weil ein angrenzendes Haus abgerissen worden war. Der Brand habe die Tragfähigkeit dann weiter reduziert. In dem von der amerikanischen Öffentlichkeit stark beachteten Prozess stehen insgesamt zwölf Männer wegen fahrlässiger Tötung unter Anklage. Sie werden aber am 12. August 1925 allesamt freigesprochen.

Anders als in den USA findet das dort bis heute unter dem Schlagwort „Pickwick Club Collapse“ mit den „Goldenen Zwanzigern“ verbundene Unglück in Deutschland kaum Widerhall. Doch auch hierzulande herrscht im Sommer 1925 Aufbruchstimmung: Nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren und der überstandenen Inflation feiern die Menschen in den deutschen Metropolen die Rückkehr zur Lebensfreude – und das, anders als in Amerika, ganz legal bei Wein, Bier und anderen alkoholischen Getränken. Ganz besonders gilt das für die Reichshauptstadt Berlin, die nur wenige Monate später, nach einem spektakulären Auftritt der US-Tänzerin Josephine Baker im Januar 1926, endgültig dem Charleston-Fieber verfallen wird.

Ein solches Fieber steht im eher provinziellen Freistaat Oldenburg, zu dem Eva-Marias Heimatdorf gehört, nicht zu vermuten. Der Charleston bleibt den Hurrelern jener Zeit sehr wahrscheinlich ebenso fremd wie andere Auswüchse der „neuen Zeit“. Noch am ehesten Verständnis für den „Bananen-Tanz“ Josephine Bakers dürfte Eva-Marias Vater Leo Jung aufweisen – hat er doch vor seinem Zuzug mehr als zehn Jahre lang in Deutsch-Ostafrika gelebt. Mutter Margaretha als gebürtige und vermutlich streng wilhelminisch erzogene Oldenburgerin wiederum dürfte derartigem Gebaren, sofern sie es je zu Gesicht bekommt, wenig abgewinnen können.

Eva-Maria wächst gemeinsam mit Zwillingsbruder Conrad auf dem elterlichen Hof am Hesterort (heute: Constanze Jung) auf, den ihr Vater 1923 erworben hat. Kuhstall, Felder und Heideland prägen ihre Kindheit, auch nach der Einschulung in die Volksschule Hurrel, die von dort aus rund anderthalb Kilometer entfernt liegt. Zu Eva-Marias etwa gleichaltrigen Mitschülerinnen gehören unter anderem Anita Drieling, Alwine Grummer, Herta Lange, Wilma Lange und Gisela Schwarting. Mit ihnen erlebt sie den Wechsel von der durch die Weltwirtschaftskrise in Bedrängnis geratenen Demokratie zum auf die Person von NSDAP-Führer Adolf Hitler eingeschworenen NS-Staat – eine Zäsur, die Eva-Maria als Siebenjährige kaum in ihren historischen Dimensionen einordnen kann. Als größeren Einschnitt empfindet sie vermutlich, dass Vater Leo den Hof kurz darauf aus gesundheitlichen Gründen an Hinrich Segelken verpachtet und fortan täglich in die Stadt pendelt, um dort sein Geld als Angestellter der Landwirtschaftskammer Oldenburg zu verdienen.

Eine andere bleibende Kindheitserinnerung jener Jahre ist für Eva-Maria 1935 eine Ferienreise zu Verwandten in die Ruhrgebiets-Metropole Essen. Dort haben ihre inzwischen verstorbenen Großeltern väterlicherseits im Stadtteil Rüttenscheid das „Hotel Jung“ geführt. Mit Bruder Conrad besucht Eva-Maria zudem in den Ferien häufiger die Familie ihres Onkels Friedrich Lüning in Wilhelmshaven.

Nach der sechsten Klasse verlassen Eva-Maria und Conrad die Volksschule und wechseln auf das Graf-Anton-Günther-Gymnasium in Oldenburg – damals ein höchst ungewöhnlicher Schritt für Kinder aus einem Bauerndorf. Diesen Weg hat ein Jahr zuvor bereits der Nachbarssohn Bernhard Schwarting als erster Hurreler überhaupt eingeschlagen. Den täglichen Schulweg von insgesamt knapp 40 Kilometern legen alle drei Jugendlichen in der Regel mit dem Fahrrad zurück. Insbesondere in den Wintermonaten besteht aber zumindest für Eva-Maria und Conrad die Möglichkeit, bei Großmutter Franziska Lüning zu übernachten. Sie wohnt in einem Haus an der Alexanderstraße, nur wenige hundert Meter vom Schulgebäude entfernt.

Noch bevor Eva-Maria die Oberstufe erreicht, löst Anfang September 1939 der deutsche Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg aus. Der Unterrichtsbetrieb am Gymnasium leidet zunehmend unter Fliegeralarmen und der Einberufung von Lehrern zur Wehrmacht. Direkt nach dem Abitur erhält Bruder Conrad ebenfalls einen Stellungsbefehl, während Eva-Maria auf einem Hof oder in einem Haushalt in Diekmannshausen bei Varel unterkommt. Eine Zeit, die durch zahlreiche Fotos recht gut dokumentiert ist – auch wenn die konkrete Einordnung der jeweils rückseitig genannten Namen in ihren Lebenslauf mitunter Schwierigkeiten bereitet. Dasselbe gilt für den in Harsefeld im Landkreis Stade abgeleisteten Reichsarbeitsdienst. Dort erlebt Eva-Maria offenbar die letzten Kriegswochen: Eine in Harsefeld entstandene Aufnahme jedenfalls trägt die Datumsangabe „März 1945“.

Schon kurz nach der bedingungslosen Kapitulation kehrt Eva-Maria in die Heimat zurück – deutlich früher als Bruder Conrad, der in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten ist. Als am 1. Oktober 1945 die Pädagogische Akademie Oldenburg als erste Lehrer-Bildungsstätte im kriegszerstörten Deutschland ihren Betrieb aufnimmt, gehört Eva-Maria zu den Studierenden der ersten Stunde. In den folgenden Jahren erwirbt sie dort das Rüstzeug für ihren angestrebten Beruf. Nach dem Abschluss tritt sie eine Stelle als Lehrerin an der Grundschule Ofenerdiek an. Wie damals üblich unterrichtet sie nahezu alle Fächer, legt aber von Anfang an einen besonderen Schwerpunkt auf die Musikerziehung. Von dieser Vorliebe zeugt eine beachtliche Sammlung verschiedener Flöten-Modelle, die sie sich im Laufe der Jahre zulegt.

Vermutlich irgendwann in ihren Anfangsjahren als Lehrerin begegnet Eva-Maria Werner Quathamer, einem Zollbeamten aus Jührdenerfeld. Das junge Paar heiratet am 20. September 1952 in Westerstede und bezieht eine Wohnung in der Görlitzer Straße 49 in Oldenburg. Im Februar 1954 bringt Eva-Maria Tochter Cornelia zur Welt. Nach all den Schrecken des Krieges eine schöne Zeit, getrübt allenfalls durch den frühen Tod ihres Vaters im Sommer zuvor. Doch die Phase der Unbeschwertheit hält nicht lange an. Der – möglicherweise erneute – Ausbruch einer Tuberkulose-Erkrankung macht für Eva-Maria im Spätsommer 1958 einen längeren Aufenthalt im Lungensanatorium Wehrawald in Todtmoos erforderlich. Dutzende von Fotos aus dieser Zeit zeigen sie bei Streifzügen durch die Natur oder in verschneiter Landschaft. Trotz der idyllischen Schwarzwald-Kulisse ist Eva-Maria froh, als sie im Frühjahr 1959 endlich entlassen werden kann.

Kaum wieder in Oldenburg angekommen, beginnt das Projekt Hausbau. Die Familie zieht in den Stadtteil Eversten, ihre neue Adresse lautet Balthasarweg 12. Im Juli 1966 wird die zweite Tochter Ulrike geboren – für Eva-Maria abermals begleitet von einem Tuberkulose-Schub, der allerdings ohne erneute Kur wieder abklingt. In den folgenden Jahren heißt es dann gleich mehrfach, Abschied von vertrauten Personen zu nehmen: Im Oktober 1967 stirbt Schwiegervater Franz Quathamer, im März 1969 Schwiegermutter Johanne Quathamer und im November 1970 Mutter Margaretha.

Die frühen 70er Jahre bringen für Eva-Maria beruflich manche Veränderung. Reformen wie die Einführung der Mengenlehre oder die schrittweise Abschaffung des Samstagsunterrichts modernisieren den Schulalltag. Hinzu kommt der Aufbau der Orientierungsstufe, der auch die Lehrpläne der Grundschulen tangiert. Den gravierendsten Einschnitt erlebt sie allerdings erneut auf privater Ebene: Ehemann Werner erkrankt an einem Hirntumor, er stirbt Ende Juni 1976. Wenige Tage vor ihrem 51. Geburtstag ist Eva-Maria Witwe.

Halt findet Eva-Maria außer bei ihren Kindern und in der Arbeit auch durch die innere Nähe zu Zwillingsbruder Conrad in Hurrel. Neben vielen anderen Dingen verbindet beide eine Leidenschaft für das Theater. Gemeinsam besuchen sie viele Aufführungen, insbesondere der Niederdeutschen Bühne, und sind Mitglieder im Ollnborger Kring.

Nach ihrer Pensionierung im Sommer 1985 nutzt Eva-Maria die dadurch gewonnene Freizeit unter anderem, um zu reisen. Mit den Töchtern besucht sie Ägypten, ein Time-Sharing-Modell ermöglicht zudem regelmäßige Aufenthalte auf Lanzarote. Auch der durch Boris Becker und Steffi Graf entfachte Tennis-Boom geht nicht spurlos an ihr vorüber: Stehen wichtige Spiele an, verbringt sie in ihrem Wohnzimmer oft Stunden vor dem Fernseher und fiebert mit.

Als Boris Becker 1985 zum ersten Mal das Turnier von Wimbledon gewinnt, ist die jüngere Tochter Ulrike bereits aus dem Elternhaus im Balthasarweg ausgezogen. Cornelia wiederum wohnt im umgebauten Bauernhaus ihres Onkels in Hurrel und arbeitet als Verkaufsleiterin der Buchhandelskette Montanus. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, der Eva-Marias Leben ein weiteres Mal dramatisch verändert: Am Abend des 6. Dezember 1988 kommt Cornelia auf der Oldenburger Stadtautobahn ein Geisterfahrer entgegen. Beim Zusammenstoß wird sie schwer verletzt; fünf Tage später stirbt sie auf der Intensivstation.

So hart das Schicksal Eva-Maria auch mitspielt, drei Jahre später hält es wieder einen Lichtblick bereit: Im Juni 1991 wird ihr erstes Enkelkind Placido geboren. Mit dessen Vater betreibt Tochter Ulrike einige Jahre lang ein italienisches Restaurant an der Nadorster Straße. Als danach die Beziehung auseinanderbricht, geht es Eva-Maria gesundheitlich bereits deutlich schlechter – die ernsten Vorerkrankungen und jahrzehntelanger Zigarettenkonsum fordern ihren Tribut. Ende der 90er Jahre muss sie mehrere Male zur Behandlung diverser Leiden ins Krankenhaus.

Die Geburt ihres zweiten Enkelkindes Chiara Maria im Februar 2002 erlebt Eva-Maria nicht mehr mit: Sie stirbt am 22. Oktober 1999 an den Folgen eines Schlaganfalls und wird fünf Tage später auf dem Gertrudenfriedhof in Oldenburg beigesetzt.