Wilhelm Rohlfs – Biographie

Wilhelm Johann Rohlfs wird am 21. Dezember 1907 in Delmenhorst geboren. Zum jetzigen Zeitpunkt (Stand Januar 2020) gibt es leider keine öffentlich einsehbaren Kirchenbuch- oder Standesamt-Einträge, die über Eltern und Geschwister Auskunft geben. Der anlässlich seines Todes im Januar 1973 veröffentlichten Traueranzeige lässt sich jedoch entnehmen, dass er mindestens einen Bruder oder eine Schwester hat.

Am Tag von Wilhelms Geburt herrschen im Deutschen Reich ungewöhnlich warme, fast schon frühlingshafte Temperaturen. In Delmenhorst klettert das Thermometer genauso wie im nahegelegenen Bremen oder in der Reichshauptstadt Berlin auf bis zu 10 Grad Celsius, was im Zusammenspiel mit leichtem Regen bei vielen Pflanzen die Knospen treiben lässt. Ein Umfeld, in dem Weihnachtsstimmung nicht so recht aufkommen will. Dementsprechend niedrig fallen am 22. Dezember die Umsätze am „Goldenen Sonntag“ aus, dem traditionell verkaufsoffenen Sonntag vor Heiligabend. Das milde Wetter lockt zwar große Menschenmengen in die Einkaufsstraßen, doch die meisten von ihnen drücken sich nur die Nase an den Schaufenstern platt. Zu einem Zwischenfall kommt es dabei im Berliner Vorort Rixdorf: Ein Kasperltheater in der Auslage eines Papierwarenladens zieht so viele Schaulustige an, dass die Scheibe bricht und 24 Kinder Verletzungen davontragen.

Die Kaufzurückhaltung hat auch wirtschaftliche Gründe. Die Folgen einer in den USA ausgebrochenen Finanzkrise sind auch in Europa zu spüren, die Zahl der Arbeitslosen steigt und Selbstmorde häufen sich. Wohlfahrtsverbände versuchen die größte Not zu lindern, erreichen aber nicht alle Hilfsbedürftigen. So berichten die Zeitungen in der Woche vor Weihnachten über einen arbeitslosen Konfektionsschneider mit fünf Kindern, der in der Nähe der niederschlesischen Stadt Namslau verhungert aufgefunden wurde.

Trotz Wirtschaftskrise bleibt Wilhelms Heimatstadt Delmenhorst dank florierender Großunternehmen wie der Nordwolle oder der Linoleum-Fabrik „Hansa“ auf Wachstumskurs: Zwischen 1905 und 1910 steigt die Zahl der Einwohner noch einmal von 20.000 auf mehr als 22.500 an. In diese Zeit fallen diverse die Innenstadt prägende Bauten wie das neue Rathaus, das Wasserwerk „An den Graften“ und der dazugehörige, 44 Meter hohe Wasserturm. Erst nach Beginn des Ersten Weltkriegs kommt es zu einem spürbaren Knick: Ende 1916 leben erstmals seit 1905 wieder weniger als 20.000 Menschen in der Stadt.

Wie Wilhelm die dunklen Jahre des Krieges erlebt und welche Schule er besucht, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Möglicherweise lernt er aber bereits in dieser Zeit seine spätere, nur wenig ältere Nachbarin Adele Timmermann kennen, die ebenfalls in Delmenhorst aufwächst und im Laufe des Jahres 1926 in das Haus ihres verwitweten Vaters Diedrich Düßmann an den äußersten nördlichen Rand Hurrels zieht (heutige Eigentümer: Christa und Günter Klintworth).

Der nächste Hinweis auf Wilhelms Lebensweg findet sich erst wieder am 4. Oktober 1932. An diesem Tag – knapp vier Monate vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten – heiratet er Adele Timmering aus Lesum. Laut Traubuch der Kirchengemeinde Hude wohnt er zu diesem Zeitpunkt in Nordenholzermoor, seine künftige Ehefrau in Hiddigwarden. Leider lässt die Bezeichnung „Haussohn“ keinen Rückschluss darauf zu, welchen Beruf Wilhelm ausübt. Auch für die folgenden 13 Jahre liegen keine verlässlichen amtlichen Informationen oder Erinnerungen von Zeitzeugen vor. Wie Wilhelm und Adele den Wandel von der Demokratie der Weimarer Republik zur Diktatur die Dritten Reiches und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs erleben, lässt sich also nur vermuten.

Drei Monate nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945 ziehen Wilhelm und Adele einem Eintrag des Huder Standesamts zufolge nach Hurrel. Dort wohnen sie zunächst auf dem Hof von Georg und Martha Hartmann (heute: Michael und Sara Westphal) in einer kleinen Oberwohnung. Über die erste Zeit im Dorf, dessen Einwohnerzahl sich durch den Zuzug von Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten und obdachlos gewordenen Bewohnern der umliegenden Städte seit 1944 nahezu verdoppelt hat, ist heute so gut wie nichts mehr bekannt. Später arbeiten beide jedoch für den örtlichen Bäckerei- und Gaststättenpächter Otto Mehrings: Während Adele in dessen Laden aushilft, fährt Wilhelm mit dem Bäckerwagen über Land und liefert Brot aus – anfangs mit einem von Heinrich Wieting zur Verfügung gestellten Pferd, später dann mit seinem eigenen Traktor. Einen Auto-Führerschein besitzt Wilhelm nicht, privat ist er – wenn nicht mit Fahrrad oder Trecker – mit einer „Vicky“ der Victoria-Motorradwerke unterwegs.

Mitte der 50er Jahre ziehen Wilhelm und Adele innerhalb Hurrels noch einmal um und mieten ein zuvor von Martha Wieting bewohntes Haus an der Hurreler Straße (heutige Eigentümerin: Inge Molde). Zu dieser Zeit arbeitet Wilhelm unter anderem auch als Fahrer für die Molkerei Hude. Zusammen mit seinem neuen Nachbarn Gerold Wachtendorf sammelt er an der Strecke von Hurrel nach Hude allmorgendlich mit Trecker und Wagen die von den anliegenden Bauern bereitgestellten Milchkannen ein. Nebenbei betätigt er sich als Hofpflasterer und nimmt dabei auch Aufträge aus Dingstede und anderen Nachbardörfern an.

Bereits Anfang der 50er Jahre haben mit dem Schützenverein Hurrel und dem Radfahrverein „Wanderlust“ zwei vor dem Krieg in Hurrel aktive Vereine ihre Tätigkeit wieder aufgenommen. Wilhelm ist in beiden Vereinen aktiv – ganz besonders aber im letzteren, wo er sehr schnell den Vorsitz übernimmt und unter anderem im Frühjahr 1952 die Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jubiläum organisiert. Bis 1956 ist der Radfahrverein unter seiner Regie bei vielen Stiftungsfesten und Wettbewerben vertreten. Einige Jahre lang lädt er zudem gemeinsam mit Vereinswirt Otto Mehrings zu einem Weihnachts-Theaterball, bis die Aktivitäten in der zweiten Hälfte der 50er Jahre ganz allmählich zum Erliegen kommen.

Im Oktober 1957 feiern Wilhelm und Adele im Saal von Otto und Karla Mehrings mit Nachbarn und Freunden ihre Silberhochzeit. Nur anderthalb Jahre später stirbt Adele – gerade einmal 49 Jahre alt – im Klinikum Delmenhorst nach einer notwendig gewordenen Krebs-Operation. Für Wilhelm ein schwerer Schlag, von dem er sich anfangs nur schwer erholt. Dann jedoch lernt er seine zweite Frau Gesine Willhaus kennen, die ihre kurz vor der Volljährigkeit stehende Tochter Anni in die am 15. Juli 1961 geschlossene und bei Fritz Knutzen in Lintel gefeierte Ehe mitbringt. Beide ziehen zu Wilhelm, der sich fortan als Fuhrunternehmer versucht – allerdings ohne durchschlagenden Erfolg. Im November 1965 kehrt Wilhelm daraufhin mit Gesine in seine Heimatstadt Delmenhorst zurück, wo er in den folgenden Jahren in einer Mietwohnung an der Hasberger Straße lebt. Dort stirbt Wilhelm am 14. Januar 1973 nach längerer Krankheit und wird vier Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude beerdigt.