Persönliche Erinnerungen an Karl Barkemeyer

… von Egon Wachtendorf

Aufgezeichnet im März 2015

Karl Barkemeyer war mein Großonkel, die ersten 22 Jahre meines Lebens habe ich nahezu jeden Tag mit ihm auf dem Bauernhof meiner Eltern in Hurrel verbracht. Sein angestammter Platz war der alte Lehnstuhl in der Küche; er saß dort morgens, wenn ich zum Frühstück erschien, er saß dort, wenn ich mittags aus der Schule kam und er saß dort, wenn abends nach der Stallarbeit allmählich wieder Ruhe im Haus einkehrte. Jahraus, jahrein, solange ich zurückdenken kann.

Trotz seiner Behinderung und all der Dinge, auf die er dadurch in seinem Leben verzichten musste, war Karl im Grunde ein sehr fröhlicher Mensch. Ich erinnere mich an unzählige Momente, in denen sein herzhaftes Lachen die Küche erfüllte. Hatte er erst einmal angefangen zu lachen, hörte er mitunter gar nicht wieder auf und ließ sich in dieser Stimmung von uns Kindern bereitwillig zu mancherlei Schabernack anstiften. An anderen Tagen wiederum konnte er ausgesprochen übellaunig sein, so dass man ihn am besten in Ruhe ließ. Ich vermute, dass Karl an solchen Tagen einfach der ganzen Unzufriedenheit Luft machte, die sich bei einem seiner Gebrechlichkeit voll bewussten Menschen wie ihm über all die Jahrzehnte zwangsläufig anstauen muss. Daneben gab es immer wieder Phasen der Melancholie, in denen er einfach nur still dasaß, versonnen aus dem Fenster blickte und dabei mit der Hand an seinem Ohrläppchen spielte. Offen über sein Schicksal klagen hören habe ich ihn allerdings nie.

Regelrecht aufgeblüht ist Karl immer dann, wenn sein Freund Helmut Falldorf aus Bremen-Arbergen zu Besuch kam. Helmut war der Enkel von Hermann Meyer, bei dessen Familie Karl nach Ende des Ersten Weltkriegs mit seiner Mutter für einige Monate gewohnt hatte. Damals war Helmut noch nicht geboren, doch nachdem der Kontakt nach dem Tod seiner Mutter 1952 über einige Jahre lang unterbrochen war, kam er Mitte der 60er Jahre urplötzlich mit seinem Sohn Rolf auf einem Moped bei meinen Eltern vorgefahren. Von da an besuchte er uns mit seiner Familie, zu der neben Rolf seine Frau Marga und die beiden jüngeren Kinder Gudrun und Horst gehörten, in regelmäßigen Abständen von sechs bis acht Wochen immer wieder. Helmut hatte im Zweiten Weltkrieg sein rechtes Bein verloren und war nach einigen Jahren bei der Bundesbahn in Frührente gegangen. Vielleicht war das einer der Gründe, warum die beiden sich so gut verstanden haben. Wie auch immer: Die Tage, an denen Karl und Helmut in unserer von weißen Rauchschwaden vollständig eingehüllten Küche – Helmut war Kettenraucher und hatte immer eine Schachtel der Marke Peer 100 vor sich liegen – um die Wette lachten, gehören zu meinen angenehmsten Kindheits- und Jugenderinnerungen.

Die Besuche von Familie Falldorf waren nicht einseitig, es gab regelmäßige Gegenbesuche in Arbergen. Darauf konnte sich Karl schon Tage im Voraus freuen. Er fuhr ohnehin sehr gerne spazieren, und irgendwann im Alter von 14 oder 15 Jahren habe ich ihm versprochen, mit ihm regelmäßig Ausfahrten zu machen, wenn ich erst einmal einen Führerschein und ein eigenes Auto haben würde. Dieses Versprechen habe ich, als es so weit war, auch eingelöst. Unter anderem habe ich ihn an Frühlings- und Sommertagen, an denen ich nur drei oder vier Stunden Unterricht hatte, diverse Male morgens mit zur Schule genommen und meinen roten Golf mit Karl auf dem Beifahrersitz in irgendeiner Seitenstraße beim Graf-Anton-Günther-Gymnasium geparkt. Auch wenn es dort nicht viel zu sehen gab, so war es doch zumindest eine kleine Abwechslung von seinem sonst eher eintönigen Alltag.

Eine Begebenheit mit Karl tut mir noch heute ein wenig leid, es ist eine meiner ersten konkreten Erinnerungen in diesem Zusammenhang überhaupt. Ich muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als ich mit einigen Spielkameraden auf die Idee kam, Friseur zu spielen und wir kurzerhand beschlossen, Karl als unseren ersten Kunden anzusehen. Unter lautstarkem Protest haben wir ihm die Haare geschnitten, er konnte ja weder weglaufen noch sich auf andere Art und Weise wehren. Das Donnerwetter, das anschließend von den Eltern folgte, war noch lauter als Karls Geschimpfe, aber es war zweifellos verdient.

Im Sommer 1986 bin ich für zwei Jahre nach Wiesbaden gezogen und habe Karl in dieser Zeit nur selten gesehen. Danach war ab Herbst 1988, als ich während meiner Bundeswehrzeit vorübergehend wieder zu Hause gewohnt habe, für eine kurze Zeit noch einmal alles wie früher – abgesehen von der Tatsache, dass Karl in den Jahren meiner Abwesenheit doch merklich gealtert war und ab Sommer 1989 vor allem körperlich stark abbaute. Die letzten Tage seines Lebens verbrachte er im Bett, und dann ging alles sehr schnell. So schnell, dass ich mich leider nicht mehr von ihm verabschieden konnte, denn am Tag seines Todes war ich zu einem Vorstellungsgespräch bei meinem späteren Arbeitgeber VWD in Eschborn in der Nähe von Frankfurt eingeladen. Auch an den Tag seiner Beerdigung erinnere ich mich sehr genau: Es war der 30. November 1989, und als wir von der Trauerfeier nach Hause kamen, lief im Radio die Nachricht vom Bombenattentat auf Deutsche-Bank-Vorstandschef Alfred Herrhausen.