Heinrich von Kempen – Biographie

Johann Heinrich von Kempen – Rufname Heinrich – wird am 19. April 1890 als eines von sechs Kindern des Schriftsetzers Leonhard von Kempen und seiner Frau Therese von Kempen in Aachen geboren.

Fünf Tage vor Heinrichs Geburt macht der Landtag des Großherzogtums Oldenburg den Weg frei für einen Mitte März 1890 ausgehandelten Vertrag zwischen der Oldenburgischen Eisenbahn und dem Norddeutschen Lloyd in Bremen. Darin geht es um die Verpachtung der bislang überwiegend für den Viehtransport nach Großbritannien und den Öl-Import genutzten Hafenanlagen in Nordenham: Diese benötigt die Reederei dringend als Anleger für ihre Auswandererschiffe nach Übersee, denn im Stammhafen Bremerhaven stehen umfangreiche Bauarbeiten an der Kaiserschleuse bevor.

Gleich nach Vertragsabschluss beginnen hektische Vorbereitungen. Die vorhandenen Piers werden vergrößert und neue Gleise verlegt, eine mehr als 1.000 Quadratmeter große Holzhalle entsteht. Am 20. September 1890 läuft dann das erste Auswandererschiff Nordenham an. Fortan legen zwei Schiffe pro Woche Richtung New York ab, bis Ende 1893 steigt die Zahl der Passagiere auf mehr als 75.000.

Der erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf einem Gutsgelände der Gemeinde Atens entstandene Ort entwickelt sich in dieser Zeit ähnlich rasant: Neue Straßen, Hotels und Gaststätten entstehen, zeitweise herrscht eine Aufbruchsstimmung wie in manchen Boomtowns des Wilden Westens. Im April 1892 reist sogar Kaiser Wilhelm II. an, um die Hafenanlagen zu besichtigen. Selbst als der Pachtvertrag mit dem Norddeutschen Lloyd im August 1897 ausläuft und die großen Passagierdampfer nach Bremerhaven zurückkehren, reißt der Aufschwung nicht ab: Dank zahlreicher Firmenansiedlungen wie der Norddeutschen Seekabelwerke, der Schiffswerft Frerichs oder der Metallwerke Unterweser verdreifacht sich die Zahl der Einwohner bis 1907 noch einmal auf rund 6.000. Am 1. Mai 1908 erhält Nordenham das Stadtrecht.

Auch die katholisch geprägte Kaiserstadt Aachen wächst in jener Epoche – von 74.000 Einwohnern 1871 bis auf 154.000 Einwohner im Dezember 1908. In Heinrichs Geburtsjahr 1890 überschreitet Aachen erstmals die Grenze von 100.000 Einwohnern und steigt damit zur westlichsten Großstadt des Deutschen Reichs auf. In welchem Bezirk Heinrich mit seinen Eltern und den Geschwistern wohnt und wo er die Schule besucht, ist heute nicht mehr bekannt – lediglich, dass er 1904 wenige Wochen vor seinem 14. Geburtstag eine Schneiderlehre beginnt.

Die anschließenden Wanderjahre führen Heinrich zwischen 1907 und 1909 über Belgien und diverse Stationen in Nordwestdeutschland bis ins Weser-Ems-Gebiet. Dort fällt ihm eines Tages eine Stellenanzeige ins Auge: Wilhelm Schnier, Schneidermeister im 20 Kilometer östlich von Oldenburg gelegenen Vielstedt, sucht einen Gesellen. Um sich dem potenziellen Dienstherrn vorzustellen, reist Heinrich mit der Bahn bis nach Hude und erkundigt sich laut in der Familie überlieferten Erzählungen vor Ort bei einem Bahnbediensteten, wann denn der nächste Zug nach Vielstedt fahre. Dessen Rat, einfach zu Fuß der damals noch oberirdisch verlegten Telefonleitung bis zur Gaststätte Vielstedter Burnhus zu folgen, bringt ihn schließlich ans Ziel – und in seine erste feste Anstellung.

An der neuen Wirkungsstätte fügt sich Heinrich von Anfang an gut ein und gehört unter anderem zu den Mitbegründern des noch im selben Jahr aus der Taufe gehobenen Gesangvereins Vielstedt. Bald darauf zieht zudem ein Mädchen seine ganze Aufmerksamkeit auf sich: Martha Timmermann, die mit ihren Eltern und den jüngeren Geschwistern seit kurzem im Nachbardorf Nordenholz lebt.

Wann genau Heinrich und Martha ein Paar werden, ist nicht überliefert – ebenso wenig, ob Martha den 1912 vollzogenen Umzug der Familie zurück in ihren Geburtsort Hurrel noch mitmacht oder ob sie zu dieser Zeit bereits irgendwo in Vielstedt oder in der näheren Umgebung arbeitet. Fest steht allerdings, dass Martha im Frühjahr 1914 schwanger wird. Mit einiger Sicherheit planen beide für den Sommer 1914 ihre Hochzeit, werden dabei jedoch von den Ereignissen der Weltgeschichte überrollt: Die tödlichen Schüsse des serbischen Nationalisten Gavrilo Princip auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie am 28. Juni in Sarajevo münden direkt in den Ersten Weltkrieg.

Die von Kaiser Wilhelm II. am 1. August angeordnete Mobilmachung führt Heinrich ins Bekleidungsamt von Leipzig, wo er als Ökonomie-Handwerker im Akkord Uniformen und andere militärische Ausrüstungsstücke herstellt. Den vermutlich ersten Heimaturlaub kurz vor Weihnachten 1914 nutzt er zur Hochzeit mit Martha, eine Woche später kommt Sohn Enno zur Welt.

Wie lange Heinrich in Leipzig bleibt, ist nicht überliefert. Irgendwann wird er aber eigenen Erzählungen zufolge an die Westfront versetzt und bekommt dort wahrscheinlich den zermürbenden, keiner Seite größere Stellungsgewinne bringenden Grabenkrieg am eigenen Leib zu spüren. Am Ende kann und wird er froh sein, mit dem Leben und ohne gesundheitliche Schäden davon zu kommen – kaum ahnend, dass seine bis dato schwerste Prüfung erst nach Kriegsende in der Heimat auf ihn wartet: Martha, im Juni 1916 mit der Geburt der gemeinsamen Tochter Wilma zum zweiten Mal Mutter geworden, leidet an Tuberkulose und stirbt im März 1920.

Ein harter Schlag für Heinrich. Immerhin, er steht mit seinen beiden kleinen Kindern nicht alleine da: Marthas jüngere Schwester Bertha, die die Familie auch zuvor schon unterstützt hat, zieht zu Heinrich nach Vielstedt und hält ihm den Rücken frei für seine Arbeit. Aus der verwandtschaftlichen Fürsorge entwickelt sich rasch mehr – zehn Monate später sind Heinrich und Bertha ein Ehepaar. Dennoch bleiben die folgenden Jahre auch losgelöst vom mehr als holprigen Start der dem Kaiserreich folgenden Weimarer Republik eine schwierige Zeit: Mit Werner (geboren im Juni 1921), Gertrud (Juni 1922) und Anneliese (November 1925) verlieren Heinrich und Bertha gleich drei Kinder innerhalb der ersten Lebensmonate durch Krankheit. Lediglich der im Dezember 1924 geborene Sohn Rudolf überlebt und wächst zusammen mit seinen Stiefgeschwistern Enno und Wilma auf.

Kurz nach Annelieses Tod im Februar 1926 nimmt Heinrich – mittlerweile selbstständiger Schneidermeister in Vielstedt – das Angebot seines Schwiegervaters Diedrich Timmermann an, direkt neben dessen Hof in Hurrel (heute: Thomas und Kerstin Schwantje) ein Grundstück zu bebauen. Im dort fertiggestellten Siedlungshaus (heute: Uta Trump und Karl-Heinz Kunert) näht und schneidert er fortan für die wachsende Zahl an Kunden. Auch die Familie bekommt weiteren Zuwachs in Gestalt von Hans-Helmut (Mai 1928), Lorenz (Mai 1929), Robert (November 1930) und Grete (Mai 1932). Kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten schlägt dann das Schicksal noch einmal zu: Im September 1932 stirbt Sohn Hans-Helmut an den Folgen einer Lungenentzündung.

Wie in Vielstedt beteiligt sich Heinrich in Hurrel von Beginn an am Dorfleben. Auf seine Initiative hin gründet sich in der Gaststätte von Reinhard Asseln der Männergesangverein „Eintracht“, dessen Vorstand er längere Zeit angehört. Auch im Schützenverein Hurrel und – ab 1927 – im benachbarten Schützenverein Sandersfeld ist Heinrich in dieser Zeit aktiv. Daneben pflanzt er Maulbeerbäume an und beginnt mit der später von der Rüstungsindustrie geförderten Zucht von Seidenraupen.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 wird Heinrich zunächst zur Marine nach Wilhelmshaven dienstverpflichtet. Wie es ihm zwei Jahre später gelingt, von dort aus nach Metz versetzt oder entlassen zu werden, lässt sich heute nicht mehr im Detail rekonstruieren. In der von deutschen Truppen besetzten Stadt arbeitet Heinrichs Schwiegersohn Otto Kloberdanz – seit Oktober 1941 mit Wilma von Kempen verheiratet – als Obergewandmeister am kurz zuvor eingerichteten Fronttheater. Offenbar reist Heinrich als Zivilist nach Frankreich: Den Eintragungen in seinem Wehrpass zufolge muss er sich erst im November 1943 wieder einer Musterung unterziehen, die ihn als „bedingt kriegsverwendungsfähig“ einstuft.

Begleitet wird Heinrich von Bertha und den jüngeren Kindern Lorenz, Robert und Grete, das Haus in Hurrel ist derweil an Gertrud Glashoff und ihre Töchter Selma und Karla vermietet. In Metz arbeitet Heinrich als Schneider hinter den Kulissen, tritt bisweilen aber auch auf die Bühne: Ein in jenen Jahren aufgenommenes Foto zeigt ihn in einer Szene mit dem bekannten österreichischen Kammerschauspieler Hugo Gottschlich.

Nach der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 sind die Tage des Fronttheaters Metz gezählt. Nachdem Bertha mit den Kindern bereits im Spätherbst 1944 zurück nach Hurrel gereist ist, folgt Heinrich Anfang 1945 – unter welchen Umständen, ist heute nicht mehr bekannt. In Hurrel erlebt Heinrich die Einnahme durch englische und kanadische Truppen, muss aber außer seinem seit Februar in Ostpreußen vermissten Schwager Johann Timmermann in seiner Familie keine weiteren Opfer durch unmittelbare Kriegseinwirkung mehr beklagen.

Die ersten Nachkriegsjahre sind für Heinrich wie für die meisten Deutschen eine Zeit, in der es um wenig mehr geht als ums Überleben – der Hungerwinter 1946/47 macht auch vor Hurrel nicht Halt. Als mit der Währungsreform vom Juni 1948 das Schlimmste überstanden ist und die Aufträge wieder etwas kontinuierlicher hereinkommen, trifft Heinrich eine aus seiner Sicht beruflich notwendige Entscheidung: Er gibt den Standort Hurrel auf und kauft ein Haus in der Blumenstraße in Hude (heute: Barbara Jakob). Dort geht er vom April 1950 an bis ins hohe Alter weiter dem Schneiderhandwerk nach.

Als „Rheinländer mit Humor im Blut“, wie ihn die Nordwest-Zeitung anlässlich seiner Goldenen Hochzeit im Januar 1971 durchaus treffend charakterisiert, ist Heinrich bald auch in Hude weit über seinen Kundenstamm und die Nachbarschaft in der Blumenstraße hinaus bekannt. Dem geselligen Chorgesang bleibt er als aktives Mitglied des MGV Hude ein Leben lang treu, was ihm 1969 die Goldene Sängernadel mit Schleife einbringt. Auch während der Arbeit kann man ihn bei geöffnetem Fenster häufig singen hören – Aussagen von ehemaligen Nachbarn zufolge durchaus ein Genuss. Als Anfang 1967 im Umfeld der Blumenstraße ein Baugebiet entsteht und Heinrich dafür als erster Anlieger einen Teil seines Grundstücks verkauft, kommt die Idee auf, die im Rahmen der Erschließung neu gebaute Zuwegung Heinrichstraße zu taufen – ein Vorschlag, den die dafür zuständige Gemeindeverwaltung prompt aufgreift.

Erst in der zweiten Hälfte der 70er Jahre lässt Heinrichs Schaffenskraft allmählich nach, er greift immer seltener zu Nadel und Faden und stirbt schließlich in den Morgenstunden des 22. Mai 1978 an Altersschwäche. Beerdigt ist Heinrich nach einer Trauerfeier in der katholischen Kirche zwei Tage später auf dem Friedhof der St.-Elisabeth-Kirche in Hude.