Gerhard Heinemann – Biographie

Gerhard Heinemann wird am 27. Juni 1887 als zweites Kind von Johann Heinemann und Catharine Heinemann auf dem elterlichen Hof in Hurrel (heute: Günter und Renate Heinemann) geboren. Er ist der jüngere Bruder eines am 1. März 1886 noch am Tag der Geburt namenlos verstorbenen Jungen und der ältere Bruder von Mathilde Heinemann.

Neun Tage vor Gerhards Geburt schließen das Deutsche Reich und Russland ein Geheimabkommen, das als Rückversicherungsvertrag in die Geschichte eingeht. Darin verpflichten sich beide Staaten, bei einem Angriff einer dritten Großmacht auf den jeweils anderen neutral zu bleiben. Darüber hinaus erkennt das Deutsche Reich die Interessen des Vertragspartners in Bulgarien an und verspricht in einem „ganz geheimen“ Zusatzprotokoll, Russlands Wunsch nach einer Kontrolle der Meerengen zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer „moralisch und diplomatisch“ zu unterstützen.

Der Vertrag geht zurück auf die Initiative des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck, der damit einen Ersatz zum unmittelbar zuvor ausgelaufenen Drei-Kaiser-Bund zu schaffen versucht. Dort hatten unter Einbezug Österreich-Ungarns im Prinzip die gleichen Bedingungen im Falle des Angriffs einer vierten Großmacht gegolten. Seit dem Abschluss im Juni 1881 haben sich jedoch die Spannungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn wegen der Bulgarien-Krise derart verschärft, dass an eine Neuauflage dieses Bündnisses nicht zu denken ist. Zwar kollidieren einige Passagen des Rückversicherungsvertrages mit den Verpflichtungen aus dem seit 1879 bestehenden Zweibund zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn. Darin sieht Bismarck jedoch keinen grundsätzlichen Widerspruch: Ihm geht es vor allem darum, eine Annäherung Russlands an Frankreich zu verhindern und damit im Falle eines größeren Konflikts in Europa keinen Zwei-Fronten-Krieg führen zu müssen.

Die ein hohes Maß an diplomatischem Geschick erfordernde Bündnisstrategie jener Jahre ist eng an die Person Bismarcks geknüpft – und funktioniert auch deshalb so gut, weil Kaiser Wilhelm I. sich außenpolitisch voll und ganz auf seinen Kanzler verlässt. Nach-Nachfolger Wilhelm II. gerät mit Bismarck jedoch vor allem in innenpolitischen Fragen schnell über Kreuz und nötigt ihn Mitte März 1890 zum Rücktritt. Der neue Reichskanzler Leo von Caprivi wiederum unterstützt die Neigung des Kaisers, dem Bündnis mit Österreich-Ungarn größere Bedeutung beizumessen: Er lässt den Rückversicherungsvertrag noch im selben Jahr gegen den Willen Russlands auslaufen. Zar Alexander III. wendet sich daraufhin Deutschlands Kriegsgegner von 1870/71 zu und schließt im August 1892 eine Militärkonvention mit Frankreich.

Eine für Deutschland äußerst unheilvolle Allianz – was aber in Hurrel kurz nach Gerhards fünftem Geburtstag noch niemand ahnen dürfte. Davon abgesehen gibt es auf dem Heinemann-Hof im Sommer 1892 ganz andere Probleme. Wie so häufig in jenen Jahrzehnten sind sie viel zu frühen Todesfällen geschuldet: Gerhards Mutter Catharine ist im Februar 1891 im Alter von nur 28 Jahren an Tuberkulose gestorben, zehn Monate nach der im April 1889 geborenen Schwester Mathilde. Die schon 1886 durch den Tod des älteren Bruders dezimierte, eigentlich fünfköpfige Familie besteht also nur noch aus Gerhard und Vater Johann, wobei diverse enge Verwandte ganz in der Nähe wohnen. Die mit im selben Haushalt lebenden Großeltern Gerhard Heinrich und Anna Catharina Harfst dürften deshalb in Gerhards ersten Lebensjahren ebenso zu wichtigen Bezugspersonen werden wie die zweite Großmutter Christine Heinemann und deren Töchter Magdalene und Johanne.

Sehr wahrscheinlich ab 1894 besucht Gerhard die Volksschule in Lintel, wo von Hurreler Seite aus unter anderem Emma Busch, Frieda Busch, Friedrich Lange, Johann Mönnich, Meta Katherine Mönnich, Gesine Rüdebusch, Martha Rüdebusch, Diedrich Schwarting, Heinrich Schwarting und Friedrich Wilkens zu seinen in etwa gleichaltrigen Mitschülern gehören. Kurz nach dem Wechsel auf die neu eröffnete, vom Heinemann-Hof nur etwas mehr als 100 Meter entfernt liegende Volksschule Hurrel (heute: Gunda Hagestedt) bekommt Gerhard im Mai 1897 mit Metta Bruns aus Kirchkimmen eine Stiefmutter.

Aus der zweiten Ehe seines Vaters Johann gehen keine weiteren Kinder hervor. Für Gerhard dürfte entsprechend lange vor Schulabschluss und Konfirmation klar sein, dass er später einmal den Mitte des 18. Jahrhunderts erstmals urkundlich erwähnten und zu den größeren Betrieben des Dorfes zählenden Heinemann-Hof weiterführen wird. Die Umschreibung auf seinen Namen erfolgt 1909, auch wenn Vater Johann und Stiefmutter Metta Tabetha natürlich bis auf weiteres in die Bewirtschaftung eingebunden bleiben.

Seine künftige, 1894 geborene Ehefrau Henni Schwarting lernt Gerhard sehr wahrscheinlich schon in der Schule kennen – auch wenn beide dort aufgrund des Altersunterschieds von sieben Jahren nur wenige Berührungspunkte gehabt haben dürften. Henni ist zum Zeitpunkt der Hochzeit am 21. November 1913 bereits Vollwaise. Gerhards Schwiegervater Martin Hermann Schwarting, der bis dahin einen Hof an der Pirschstraße (heute: Jörg und Monika Wittkopf) bewirtschaftet hat, ist im Januar 1913 gestorben. Hennis 17-jähriger Bruder Carl Schwarting verpachtet daraufhin den Betrieb und geht auf dem Heinemann-Hof in Stellung.

Das Jahr 1914 bringt Gerhard und Henni wahrscheinlich um Ostern herum die Erkenntnis, dass sie Nachwuchs erwarten. Eine freudige Nachricht, die aber schon wenige Monate später durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs in den Hintergrund gedrängt wird. In diesem durch die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie in Sarajevo ausgelösten Konflikt hat es Deutschland nicht nur wie 25 Jahre zuvor von Bismarck befürchtet mit Russland und Frankreich zu tun, sondern auch mit Großbritannien. Sehr wahrscheinlich nimmt Gerhard von Beginn an am Krieg teil und sieht seinen im Oktober 1914 geborenen Sohn Johann Hermann wie auch die im März 1916 hinzugekommene Tochter Martha nur anlässlich sporadischer Heimaturlaube.

Anfang 1918 scheint es einen Moment lang so, als ob der bis dahin bereits Millionen Tote fordernde Krieg für Deutschland doch noch zu gewinnen ist: Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk mit Russland beendet am 3. März den Zwei-Fronten-Krieg. Im Westen, wo Gerhard als Fahrer Dienst tut, toben die Kämpfe jedoch mit unverminderter Härte weiter. Ihnen fällt Gerhard am 17. Juli 1918 – zwei Tage nach Beginn der Zweiten Marne-Schlacht – zum Opfer. Seine sterblichen Überreste ruhen in Grab 1209 auf der 1921 eingerichteten Kriegsgräberstätte in Marfaux.